Samstag, 8. November 2014

Schlaflos (und vollbärtig) in Seattle

Nachdem wir die nervenaufreibende Einreise in die USA schlussendlich doch noch erfolgreich hinter uns gebracht haben, heißt das nächste Ziel Seattle. Die meisten denken sicherlich sofort an Meg Ryan, Tom Hanks und den dazugehörigen Film. Damit wir jedoch nicht wie diese beiden schlaflos bleiben, haben wir auch hier wieder eine AirBnB - Unterkunft (wann bekommen wir da eigentlich Provision für so viel Werbung bzw. Treuerabatt?) im hippen Stadtteil Capitol Hill gebucht. Unser Navi weist uns zuverlässig den Weg und froh, endlich angekommen zu sein, steigen wir aus dem Auto. Wir haben ein Zimmer in einer WG gebucht, vorab wurde ausgemacht, dass der Schlüssel in einer kleinen Box an der Tür vorzufinden ist, die wiederum mit einem Code geöffnet wird. Ich gebe also den Code ein, öffne die Box und hole KEINEN Schlüssel heraus. Es ist nämlich gar keiner drin. Eine Klingel gibt es nicht, auf unser Klopfen und Rufen reagiert niemand. Na toll, geschafft von den Strapazen des Tages bin ich einem Nervenzusammenbruch (DramaDramaDrama) nahe, aber Mr. T. löst die Situation mit kühlem Kopf und ruft bei unserem Gastgeber Chris an, der verspricht, sofort seinen Mitbewohner vorbeizuschicken. Tatsächlich dauert es auch nur circa 2 Minuten, bis uns ein hipper Kerl in den späten Zwanzigern mit einer Tasche, deren Riemen ein Flugzeuganschnallgurt ist (bitte fragt mich nicht, wieso ich dieses Detail nun 4 Wochen in meinem Gehirn abgespeichert habe) und mit Vollbart ins Haus lässt. Das ist wohl einer der Mitbewohner, er ist nett, seinen Namen habe ich jedoch schon wieder vergessen. Er zeigt uns kurz Zimmer und Bad und verschwindet dann schon wieder, nicht ohne uns noch vorher einen Schlüssel zu übergeben. Alles gut also, im sauberen Zimmer erwarten uns sogar schon Schoki und Rotwein. Aber es riecht komisch....nach Hundepipi, vermutet Mr. T., denn in der WG wohnen auch drei Hunde. Mit offenem Fenster und unter Zuhilfenahme einer Duftkerze geht es dann aber. Ansonsten gefällt uns unsere Unterkunft sehr gut, es liegt auch eine Mappe mit zahlreichen Essenstipps parat, genau das Richtige für uns, wir probieren umgehend einen leckeren Asiaten aus, in dem es wohl Voraussetzung für die Mitarbeiter ist, möglichst hip und lässig auszusehen. Und ganz wichtig für Männer in der ganzen Stadt: Vollbart. Das Essen ist formidabel, das Stadtviertel, in dem wir wohnen, ebenso. Viel Gastro, viele Einfamilienhäuser, viele Bäume, viele Hunde, teilweise schon Halloweendeko, viele junge Menschen. Schön schön schön. 


Am nächsten Tag starten wir zu einer Stadterkundung und haben die wild-romantische Vorstellung, am Pike Place Market (bekannte Markthalle an der Waterfront) Leckereien zum Frühstück zu schnabulieren. Wir kämpfen uns durch den Nieselregen (ein weiteres Wahrzeichen der Stadt, ich bin mir ganz sicher, dass daher der Buchtitel "50 Shades of Grey" rührt) zur Markthalle und sehen, dass wir einer Touristenfalle aufgesessen sind. Oder wir haben einfach schon zu viele tolle, outstanding Markets in Nordamerika gesehen. Zuerst sehen wir einen Fischstand, dessen Angestellte im 15-Minuten-Takt für die Touristen Fische hin und her werfen und irgendetwas laut rufen. Mag ja ganz nett sein, aber mir ist es noch zu früh für Fisch. Der Markt hat mehrere Stockwerke, aber irgendwie spricht uns nichts so richtig an, das haben wir uns anders vorgestellt. Da muss erstmal, wie es sich in der Geburtsstadt von Starbucks gehört, ein Heißgetränk her. Wir verzichten jedoch auf ein Erinnerungsfoto vor dem Schaufenster des Ur-Starbucks und schauen lieber den asiatisch ausschauenden Mitmenschen zu, wie sie sich mit ihren Posen zum Obst machen. Vielleicht liegt es am Wetter, aber Seattle-Downtown vermag uns nicht so richtig vom Hocker zu reißen. Wir schlendern noch weiter durch die Stadt, unter anderem auch zur Space Needle, und folgen am Abend einer weiteren Essensempfehlung unseres Gastgebers, den wir diesen Morgen kurz vor der Tür getroffen haben, als er seine Hunde zum Gassigehen in den Garten geschickt hat. Frau T., noch vor 6 Monaten überhaupt kein Hundefan, hat sich in diesem Moment wie vom Blitz getroffen verliebt. Aber nicht in den, natürlich vollbärtigen, Gastgeber, sondern in einen kleinen Mini-Zwergdackel. Das Essen ist wieder herausragend lecker und auch wenn uns das Stadtbild keine Begeisterungsrufe entlockt, die Atmosphäre in der Stadt und das gastronomische Angebot wissen wir umso mehr zu schätzen. Letztendlich reicht auch ein Tag nicht aus, um alle Ecken zu entdecken und so wollen wir nicht vorschnell urteilen. Am nächsten Tag trennen sich mal wieder kurz die Wege von Mr. und Frau T., denn die Wollle muss ab und ich habe einen Termin beim Friseur. Meine "Stylistin" Vanessa ist total entsetzt, dass ich mir nicht nur die Haare schneiden, sondern diese auch noch färben lassen möchte. Sie glaubt mir nicht, dass mein (meinem Empfinden nach) Straßenköterdunkelblond mit hellen Strähnen meine Naturhaarfarbe ist und das alles so von ganz selbst wächst. Ich kann ja auch nix dafür, aber ich finde es total langweilig und kann sie nur mit Mühe und Not überzeugen, dass sie mir rote Chemie auf die Haare klatscht. Als sie zum Farbe anrühren geht, raunt sie ihrem Kollegen zu "Du wirst es nicht glauben, aber das ist ihre Naturhaarfarbe und sie will eine andere." Kurz darauf bekomme ich Besuch von ihrem Kollegen, vollbärtig natürlich. "Ist das wirklich deine natürliche Haarfarbe? Oh that's so awesome." Hmm, ich finde es ja so schön, dass hier alle so begeistert von meinem Helm zu sein scheinen, aber jetzt ist auch mal gut. Ich will jetzt endlich rote Haare! Und wieso sind die denn überhaupt nicht geschäftstüchtig? Abschneiden will sie die Haare nämlich auch nicht, die würden doch so cute aussehen. Glaubst du's denn? Ich lasse doch hier nicht meine Bucks, damit die mir ständig erzählen, es müsse nichts gemacht werden. Ab mit der Wolle, aber pronto. Und dass ich angeblich, die "cutest little ears" habe, möchte ich dann lieber geflissentlich überhören. Am Ende ist doch alles so, wie ich es wollte, und gefühlte 2kg leichter verlasse ich als Pumuckl den Salon. Geht doch!


Heute steht dann nur noch der Umzug ins Flugzeughotel an. Am nächsten Morgen fliegen wir bereits um 6 Uhr Richtung Osten, daher übernachten wir in der Nähe vom Flughafen und können auf dem Parkplatz des Hotels auch unser Piffimobil für die nächsten 4 Wochen abstellen. So weit so gut. Wir kommen am Hotel an und betreten die Lobby. Es scheint, als hätte hier kürzlich erst das Management gewechselt. Das Hotel hat früher zur Kette A gehört und gehört jetzt zur Kette B. Diverse Pakete mit Schildern und Corporate Identity Material fliegen in der Lobby rum, die Sitzmöbel wurden dafür ungemütlich zusammengeschoben. Die Rezeption ist nicht besetzt. Wir warten und warten und warten...die Klingel an der Rezeption funktioniert nicht. Mittlerweile warten mit uns noch drei weitere Parteien und eine Frau erbarmt sich und sucht eine Reinigungskraft, die mal den Manager oder so was ähnliches herbeirufen soll (der Herr, der schickt den Jockel aus...). Kurz darauf erscheint auch ein verschlafen wirkender und unmotivierter Mensch, der einen ohne viel Worte eincheckt. Das Zimmer ist okay, die Nacht kurz, denn um viertel nach 3 klingelt schon der Wecker. Der im Zimmerpreis enthaltene Shuttle zum Flughafen holt uns in einer halben Stunde ab. Die Rezeption ist zum Auschecken natürlich nicht besetzt, die Pakete fliegen immer noch rum. Nach ein bisschen Räuspern und Husten schlurft ein Mann mit beinahe noch verschlossenen Augen in mein Sichtfeld. Ich wünsche ihm freundlich einen guten Morgen, erhalte jedoch keine Antwort. Ich sage ihm, dass ich auschecken möchte, erhalte jedoch keine Antwort. Er tippt lustlos im Computer herum und streckt sich und gähnt. Huch, auf einmal öffnet er den Mund und es kommen Laute heraus. Aber ich verstehe sie nicht...aber ich glaube, er fragt, ob ich einen Beleg brauche. Ich will den armen Mann, der im Übrigen KEINEN Vollbart trägt, aber nicht weiter belästigen, und sage ihm, dass ich das nicht brauche. Schon kommt auch ein Taxi angefahren und fragt, ob wir Michael wären und einen Shuttle zum Flughafen gebucht haben. Stimmt ja halb, da wollen wir nicht päpstlicher als Franziskus sein und steigen ein. Auf einmal gerät der Rezeptionsmensch in Wallungen und wedelt hektisch mit irgendwas rum. Der Fahrer geht rein und bekommt wohl einen Voucher oder so was von dem müden Mann. Taxifahrer kommt zurück, lässt den Motor an und tippt auf seinem Telefon herum und murmelt was von "shortest way"...verstehe ich nicht ganz, bin jedoch beunruhigt, dass er für den 5 km Weg zum Flughafen, für den eigentlich nur ein Highway in Frage kommt, ein Navi benötigt. Vielleicht sollte ich eher beunruhigt sein, weil er das Handy während der Fahrt in der Hand behält und wie ein Besessener über den Highway heizt? Die Fahrt ist ja glücklicherweise nicht lange und am Flughafen angekommen, verlangt er einen Voucher? Ja, sind die denn alle bescheuert hier? Ich erkläre ihm, dass er diesen doch vom müden Mann schon bekommen hat. Ah ja, er erinnert sich, ist ja auch schon 8 Minuten her. Erleichtert sammeln wir unser Hab und Gut zusammen und flüchten in das Flughafengebäude. Ähnlich wie Meg Ryan und Tom Hanks machen wir uns nämlich nun auf nach New York - in die Stadt, die niemals schläft.


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